GWR 3031 (Dean Single) Class
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Hier haben wir eine Dampflokomotive, wie sie britischer nicht sein könnte: Außenrahmen, Innentriebwerk, niedriger Umlauf, spartanisches Führerhaus, glattes Äußeres, farbige Lackierung, mit Zierlinien versehen, auf Hochglanz polierter Messingdom und – nur eine Antriebsachse mit riesengroßen Rädern, ein typischer "Single Wheeler"! Genauer gesagt: Ein "inside cylinder leading bogie single wheeler". Lokomotiven dieses Erscheinungsbildes hat es auf dem Kontinent kaum gegeben, in England dagegen waren dagegen derartige Lokomotiven sogar bei mehreren Bahngesellschaften bis in das frühe 20. Jahrhundert in Dienst.
Warum war das so? Zunächst muss man bedenken, dass Großbritannien als Pionierland der Eisenbahn schon recht früh eine leistungsfähige Infrastruktur erhalten hat und dass es auch früh Bestrebungen nach schnellen Eisenbahnverbindungen gab. Dazu wurden schnelle und hinreichend leistungsstarke, aber dabei auch wirtschaftliche Lokomotiven gebraucht. Mit den technischen Möglichkeiten im 19. Jahrhundert ließen sich schnelle Lokomotiven nur mit relativ großen Antriebsrädern realisieren; nur dadurch waren die Kolbengeschwindigkeiten für die damaligen Schmierstoffe niedrig genug, um schnellen Verschleiß oder Schäden zu vermeiden. Dieser technische Ansatz gipfelte in Entwürfen, die bis über 8 Fuß große Antriebsräder hatten. Solch große Räder ließen sich aber bei den damaligen Größen und Längen der Lokomotiven praktisch nur an einer Achse anbringen. Abgesehen davon war man aber auch der Ansicht, dass für leichte Expresszüge eine Antriebsachse ausreichend sei, zumal mittlerweile der Dampfsandstreuer erfunden worden war, der beim Anfahren Sand in der Spalt zwischen Radreifen und Schiene blies und damit die Reibung erhöhte. Mit nur einer Achse erwartete man einen freieren und ruhigeren Lauf, da die Reibungsverluste und Unwuchten der Kuppelstangen entfielen. Und das war auch nötig, denn diese hübschen Lokomotiven waren schnell – sie konnten durchaus Geschwindigkeiten über 130km/h erreichen. Allerdings waren die dabei angehängten Zuglasten vergleichsweise niedrig, 200 bis 250 Tonnen waren es in der Regel. Die Great Western Railway setzte diese überaus eleganten Maschinen lange Zeit für ihre Expresszüge ab London Paddington Station in Richtung Bristol, Birmingham oder Newton Abbott ein.
Die ersten dieser Lokomotiven nach dem Entwurf von William Dean, No. 3001 Amazon, verließ die Bahnwerkstatt in Swindon im Jahr 1891 und hatte wie die nächsten 29 noch die Radanordnung 2-2-2, d.h. nur 1 führende, im Rahmen gelagerte Laufachse. Die ersten 8 Lokomotiven sahen auch zunächst recht befremdlich aus und ließen nicht erahnen, wie elegant sie später einmal sein würden. Doch dies hatte einen besonderen Grund: Die Great Western Railway betrieb zu dieser Zeit noch ihr Breitspurnetz und diese Lokomotiven sollten zunächst noch auf den Breitspurstrecken Südwestenglands eingesetzt werden. Das Ende der Breitspurära war jedoch schon abzusehen und deshalb hatte William Dean diese Lokomotiven so konstruiert, dass man sie mit relativ wenig Aufwand auf die Normalspurweite umrüsten konnte. Diese Loks wurden daher auch als "Convertibles" bezeichnet. Anfangs lagen alle Räder außerhalb des doppelten Rahmens und die Antriebsräder waren unverkleidet. Im Jahr 1892 war es dann soweit: Im Mai wurden die letzten Strecken auf Normalspur zurückgebaut und alle alten Breitspurlokomotiven – bis auf die Convertibles – hatten nur noch Schrottwert. Bei den Convertibles versetzte man nun aber die Räder zwischen den äußeren und den inneren Rahmen und hatte in relativ kurzer Zeit neue Normalspur-Lokomotiven, die zudem noch an Schönheit gewonnen hatten, zudem die Antriebsräder nun auch verkleidet waren.
Bis zum August war der Bestand auf 30 Maschinen angewachsen.
Im September 1893 ereignete sich jedoch ein Unfall, der aber glücklicherweise keine Menschenleben forderte. No. 3021 Wigmore Castle entgleiste auf gerader Strecke innerhalb des Box Tunnels. Man vermutete, dass das hohe Gewicht auf der vorderen Laufachse einen unruhigen Lauf bei hohen Geschwindigkeiten verursachte und so wurde beschlossen, die Lokomotiven mit einem zweiachsigen vorderen Drehgestell auszustatten. Dieser Umbau zu einer 4-2-2 verbesserte die Laufeigenschaften so überzeugend, dass man auch alle Übrigen nacharbeitete und die Lokomotiven des nächsten neuen Loses ab No. 3031 Achilles von Anfang an mit einem führenden Drehgestell ausstattete. Das Aussehen der Lokomotiven gewann dadurch ebenfalls.

Die Maschinen bewährten sich gut und so wuchs der Bestand bis auf 80, die zweitgrößte Anzahl von Single Wheelern bei einer Britischen Bahngesellschaft (nach den 95 Johnson Singles der Midland Railway). Die Lokomotiven sahen sich alle ähnlich und unterschieden sich nur in Details voneinander.
In späteren Jahren, als William Deans junger Assistent George Jackson Churchward mehr und mehr die Aufgaben seines kränkelnden Chefs übernahm, wurden noch einige Lokomotiven versuchsweise umgebaut und erhielten Belpaire-Feuerbüchsen und zum Teil auch domlose Kessel, wie bei den späteren Eigenentwürfen von Churchward.

Die ersten Ausmusterungen erfolgten 1908 (No. 3005 Britannia und 3020 Sultan), die letzten Lokomotiven schieden 1915 aus dem Dienst (No. 3050 Royal Sovereign und 3074 Princess Helena).
Leider ist keine dieser überaus prächtigen Maschinen der Nachwelt erhalten geblieben; sie wurden alle verschrottet. Nicht einmal No. 3065 Duke of Connaught ist geblieben, die 1904 den "Ocean Mail"-Zug der City of Truro nach deren 100mph Rekordfahrt übernommen hatte und ihn auf der letzten Etappe mit kaum geringeren Geschwindigkeiten ans Ziel brachte. Immerhin gibt es eine Replik der Maschine No. 3041 The Queen in Originalgröße, die allerdings nicht betriebsfähig ist. Sie wurde im Rahmen der Ausstellung "Royalty & Empire" gebaut und lässt den prächtigen Eindruck erahnen, den die Dean Singles mit ihren Zügen zu ihren Glanzzeiten boten.

Modelle

Immerhin wurden einige Dean Singles als Modelle verewigt, so von der Firma Matchbox als rollbares Zinkdruckguss-Modell der Duke of Connaught , etwa zur Baugröße N passend (1:130), jedoch ohne Tender.
Etwa zur gleichen Zeit in den 1960ern brachte die Firma Tri-ang ein Modell der No. 3046 Lord of the Isles in der Baugröße 00 heraus (siehe Bild). Dieses Modell wurde später (2006) unter der Fa. Hornby nochmals in einer limitierten Sonderserie als No. 3047 Lorna Doone herausgebracht und auch als No. 3064 Duke of Edinburgh. Es gab auch Bausätze von Kleinserienherstellern, z.B. Keyser's.

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Quellen

  • Buch: “Single Wheeler Locomotives“ von Charles Fryer, Oxford Publishing Co., englische Originalausgabe von 1993, ISBN 0-86093-506-X
  • Buch: “The Pocket Encyclopaedia of British Steam Locomotives“ von O.S. Nock, englische Originalausgabe von 1968, Blendford Press Ltd., London

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