GWR 4-6-0
GWR460.png

Lokomotiven mit der Achsfolge 4-6-0 haben bei der Great Western Railway (GWR) eine lange Tradition. Sie beginnt damit, dass der damalige Chefingenieur der GWR George Jackson Churchward 1903 im Elsass bei der dortigen Maschinenbaugesellschaft "Société Alsacienne de Constructions Mécaniques" eine Lokomotive der Bauart "de Glehn" mit der Achsanordnung 4-4-2 bestellte, hauptsächlich weil die optimale Steuerung seiner Maschinen noch nicht gefunden war. 1905 bestellte er zwei weitere Maschinen dieser Bauart, die Nummern 103 und 104.

Schnellzugmaschinen

Zum Vergleich mit den de-Glehn-Maschinen baute Churchward ebenfalls eine 4-4-2, die auf seinen bisherigen Konstruktionsprinzipien aufbaute. Verbunden mit den Erkenntnissen der de-Glehn-Maschinen baute er seine Versuchsträger in Lokomotiven der Achsfolge 4-6-0 um und beschaffte weitere dieses Typs, die fortan als Saint Class bezeichnet wurden. Diese Lokomotiven waren zugstark und schnell und kamen deswegen im Expressdienst zum Einsatz.
Ab 1907 wurde statt der Saint Class eine überarbeitete Version produziert, welche den Namen Star Class bekamen.

Nach dem Grouping 1923 war Charles Collett neuer Chefingenieur der GWR. Noch im selben Jahre wurde seine erste Castle Class in Dienst gestellt. Sie war eine verbesserte Version der Stars von Churchward und sollte die Saints vor den schwersten Schnellzügen ersetzen. 15 Castles waren sogar umgebaute Stars. Die Castles bewährten sich gut, und so entwarf Collett eine noch größere Baureihe, die erstmals 1927 lief und den Namen King Class bekam. Diese Lokomotiven stellten den ganzen Stolz der GWR dar.

King-Castle-Star_class.jpg

Mit den Castles und spätestens den Kings gingen die ersten Saints und Stars außer Betrieb, aber die letzten überlebten dank des Zweiten Weltkriegs bis Anfang bzw. Ende der 50er Jahre und sahen damit noch die Verstaatlichung der GWR zu British Railways. Die Castles wurden sogar bis 1950 noch gebaut, im selben Jahr wurde allerdings die erste auch schon wieder ausgemustert. Da Castles sehr wirtschaftliche Maschinen waren, wurde die letzte erst 1965 außer Dienst gestellt. Die Kings gingen allesamt 1962 aus dem Verkehr und wurden 1:1 durch dieselhydraulische Lokomotiven ersetzt.

Mixed-Traffic-Lokomotiven

Vor dem ersten Weltkrieg hatte die GWR noch keine 4-6-0 für den gemischten Dienst. Unter Churchward gab es die GWR 4300 Class, eine 2-6-0, die für viele Aufgabenbereiche nützlich war (bis hin zu leichten Expresszügen).

Collett wandte sich größeren Mixed-Traffic-Lokomotiven nach der Erschaffung seiner Kings zu. Er nahm die wichtigsten Konstruktionsteile wie z.B. die Zylinder seiner erfolgreichen Castle Class und rekonstruierte damit eine alte Lok der Saint Class. Heraus kam der Prototyp der neuen Hall Class, erstmals ab 1928 in Serie gebaut. Diese Lokomotiven waren äußerst universell einsetzbar und hatten einen guten Ruf.
Da Churchwards 4300 Class an einigen Teilen zunehmend abgewirtschaftet waren, aber andere Teile wie z.B. das Fahrgestell noch zu gebrauchen waren, entschloss sich Collett zu einem Umbauprogramm, wobei die Halls Vorbild waren. Ab 1936 kamen dabei die Lokomotiven der Grange Class heraus. Sie bewährten sich, waren aber etwas zu schwer für einen freizügigen Einsatz geraten. Mit einigen Konstruktionsänderungen, aber im Wesentlichen den gleichen Teilen wie bei den Granges wurden einige 4300 in die Nachfolgebaureihe Manor Class umgebaut. Geplant waren noch mehr Manors, aber der Zweite Weltkrieg brachte die Rekonstruktionen zum Erliegen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war der Chefingenieurs-Posten von Frederick Hawksworth übernommen worden. Er brach etwas mit den konservativen Konstruktionsprinzipien der GWR und konnte dadurch Verbesserungen erreichen. Er entwickelte Colletts Hall Class weiter zur Modified Hall Class, welche 1944 in Betrieb ging. Ähnlich wie die Castles wurden Modified Halls bis 1950 noch gebaut.

All diese Mixed-Traffic-Lokomotiven waren erfolgreiche Lokomotiven. Unter British Railways wurden sie erst zwischen 1960 und 1965 ausgemustert, wobei keine Manor und Modified Hall vor 1963 ausschied. Teilweise wurden sie durch Diesellokomotiven im mittleren Leistungsbereich ersetzt, andererseits ging der Verkehr in dieser Zeit generell zurück.

Rezension der GWR-Konstruktionsprinzipien

Mit den ersten Saints wurde noch experimentiert, ob eine 4-4-2-Achsfolge nicht genügen würde. Letztlich setzte sich die dritte Antriebsachse doch durch. Allerdings blieb das Format der ersten 4-6-0s, den Saints, bis zur Modified Hall unhinterfragt. Im Jahre 1908 stellte Churchward eine Vergrößerte Version seiner 4-6-0s her, Nummer 111 The Great Bear mit der Radanordnung 4-6-2. Diese Maschine war nur geringfügig leistungsfähiger, aber ihr Gewicht sorgte für starke Einschränkungen im Betrieb. Obwohl 111 das Paradepferd der GWR werden sollte und dies bis zu ihrem Umbau in eine Castle 1923 auch war, ordnete man der Achsanordnung 4-6-2 keinen Bedarf bei der GWR zu. Deshalb wurden keine 4-6-2-Loks mehr bei der GWR in Erwägung gezogen, auch nicht nach dem phänomenalen Erfolg der A3 und A4 Class der LNER.

Es war Tradition bei der GWR, noch nützliche Teile alter Baureihen in neue zu übernehmen. Auch beim Design wich man nicht groß von Vorgängerbauarten ab. Resultat ist, dass sich GWR-Maschinen alle untereinander sehr ähneln. Von Grund auf neu konzipierte Lokomotiven waren bei der GWR rar, während es bei anderen Bahngesellschaften wie z.B. der LNER normal war, dass neue Baureihen von Grund auf neu konstruiert wurden. So erklärt sich auch die Häufung von Baureihen mit ähnlichen Achsanordnungen, nicht nur 4-6-0, sondern auch 0-6-0PT und 2-6-2T.

Von dem Prinzip, zwei Außenzylinder einzusetzen, wurde ebenfalls nicht abgewichen. Die GWR hatte im Gegensatz zu den meisten anderen Bahngesellschaften in UK ein seitlich größeres Lichtraumprofil, das noch mit den alten Breitspurstrecken zusammenhing. Dies erlaubte es, Außenzylinder mit geügend Durchmesser einzusetzen, während anderswo der Weg von Verbundlokomotiven mit 3 oder 4 Zylindern gegangen wurde.

Quellen

https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_2900_Class – Saint Class
https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_4000_Class – Star Class
https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_4073_Class – Castle Class
https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_6000_Class – King Class
https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_4900_Class – Hall Class
https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_6800_Class – Grange Class
https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_7800_Class – Manor Class
https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_6959_Class – Modified Hall Class

https://en.wikipedia.org/wiki/Compound_locomotive#De_Glehn – de Glehn
https://en.wikipedia.org/wiki/GWR_111_The_Great_Bear – The Great Bear

Übergeordnete Seite

Dampflokomotiven der GWR

Sofern nicht anders angegeben, steht der Inhalt dieser Seite unter Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License