Big Four

Mit Big Four bezeichnet man die Zeit zwischen 1923 (Grouping) und 1948 (Nationalisation), in denen es hauptsächlich 4 große Eisenbahngesellschaften gab, sowie diese 4 Gesellschaften selbst.

Diese 4 Gesellschaften sind die Great Western Railway, die London Midland and Scottish Railway, die London and North Eastern Railway und die Southern Railway.

GWR

Die Great Western Railway war die drittgrößte der Big Four. Sie existierte untypischerweise schon vor dem Grouping, so dass etwa 1923 die kleineren Gesellschaften in ihrem Einzugsbereich, unter anderem die Barry Railway, die Cambrian Railways, die Rhymney Railway und die Taff Vale Railway, ihr zugeschlagen wurden. Das war aber ein mehrjähriger Prozess, ebenfalls untypisch für das Grouping.

Die GWR war sehr konservativ im Lokomotivbau, siehe GWR 4-6-0. Aber bereits frühzeitig machte sich die GWR mit namhaften Zügen und Lokomotiven berühmt, z.B. mit der City of Truro, die im Jahre 1904 100 mph erreichte und in den folgenden Jahren von der GWR werbewirksam vermarktet wurde.

Die GWR ist die von Modellbahnern am meisten gewählte Vorbildgesellschaft. Das Anlagenthema "GWR Branch Line Terminus" ist in UK vergleichbar häufig wie "Zweigleisige Hauptstrecke mit eingleisiger Nebenbahn" in Deutschland.

Innerhalb Londons ist der Bahnhof Paddington ein Symbol für die GWR. Er ist der Endpunkt der Great Western Main Line.

Die GWR verfügte auch über einige Schmalspurbahnen in Großbritannien.

Die GWR ging 1948 zur Nationalisation in die Western Region von British Railways auf.

LMS

Die London Midland and Scottish Railway war die größte und reichste der vier Gesellschaften. Sie entstand aus dem Zusammenschluss der Midland Railway (MR), der London and North Western Railway (LNWR), der Lancashire and Yorkshire Railway (L&YR), der London, Tilbury and Southend Railway (LTSR), der Caledonian Railway (CR), der Glasgow and South Western Railway (G&SWR), der North Staffordshire Railway (NSR), der Furness Railway (FR) und der Highland Railway (HR). Dennoch zeigte sich die LMS eher als expandierte Midland Railway. Die Lokomotivpolitik der MR wurde zunächst beibehalten, also kleine Maschinen bevorzugt und bei Bedarf in Doppeltraktion eingesetzt. Trotzdem erwiesen sich die ehemaligen LNWR-Lokomotiven als den MR-Loks überlegen, so dass es bald zu größeren und an LNWR-Bauprinzipien angelehnte Loks kam.

Die LMS hatte einige namhafte Züge, da die West Coast Main Line (WCML) in ihrem Einzugsbereich lag und diese viele große Städte verbindet. London war mit Birmingham, Liverpool, Manchester und Glasgow vebunden. Aber auch die Midland Main Line (MML) gehörte zur LMS, so dass die LMS auch berühmte Züge von London nach Derby, Sheffield und Leeds führte.

Innerhalb Londons war die LMS mit den Endbahnhöfen St. Pancras (MML), Euston (WCML) und Broad Street (1986 geschlossen) vertreten. Außerdem existiert bis heute der Endbahnhof Fenchurch Street der schon immer isoliert gelegenen LTSR.

Die zur Midland Railway gehörende nordirische Eisenbahngesellschaft Northern Counties Committee (NCC) wurde ebenfalls Teil der neu gegründeten LMS. Somit betrieb die LMS als einzige der vier Gesellschaften auch ein Streckennetz in Irland (323 km in irischer Breitspur und 103 km in 3 Fuß Schmalspur). Daneben betrieb die LMS zusammen mit der Great Northern Railway Ireland (GNRI) die County Donegal Railways, ein weiteres fast 200 km langes 3 Fuß Schmalspurnetz. Auch die 42 km lange Breitspurstrecke der Dundalk, Newry and Greenore Railway, welche davor zur LNWR gehörte, wurde 1923 von der LMS übernommen, allerdings 1933 an die Great Northern Railway (Ireland) (GNRI) abgegeben.
Siehe: Geschichte der Eisenbahn in Irland.

Die LMS verfügte auch über einige Schmalspurbahnen in Großbritannien.

Von der LMS wurde der schottische Teil 1948 bei der Verstaatlichung der neuen Scottish Region von British Railways (BR) zugeschlagen, der Rest bildete die neue London Midland Region. Die LTSR kam zur Eastern Region von BR.

LNER

Die London and North Eastern Railway war die zweitgrößte der vier Gesellschaften, allerdings nie besonders finanziell gesegnet. Der große Konkurrent war immer die LMS. Die LNER entstand 1923 aus dem Zusammenschluss der Great Northern Railway (GNR), der North Eastern Railway (NER), der Great Eastern Railway (GER), der Great Central Railway (GCR) sowie den beiden kleineren Gesellschaften North British Railway (NBR) und Great North of Scotland Railway (GNoSR). Da die North Eastern Railway im Vorjahr die ebenfalls beachtliche Hull and Barnsley Railway (H&BR) übernommen hatte, war sie die größte und verschaffte der LNER ihren Namen sowie ihren Stil der Geschäftsführung. Durch die Übernahme von Sir Nigel Gresley als Chief Mechanical Engineer von der GNR bekam die LNER aber größtenteils das Äußere der GNR, was Lokomotiv- und Wagenform und -lackierung betraf. Dennoch überlebte der Charme jeder der Vorgängergesellschaften bis nach der Verstaatlichung der LNER, hauptsächlich aus Geldmangel.

Durch den Zusammenschluss mit der GNoSR kam mit der Cruden Bay Hotel Tramway beim Grouping auch eine Schmalspurbahn zur LNER.

Die East Coast Main Line verlief komplett entlang des Gebiets der LNER. Sie war ihre Hauptstrecke, auf der die LNER ihre namhaften Züge verkehren ließ. Daneben existierten noch die ehemalige Hauptstrecke der GCR, die Great Central Main Line (GCML), welche 1963 stillgelegt wurde, und die kurze Great Eastern Main Line (GEML).

Innerhalb Londons ist der Endbahnhof Kings Cross der bekannteste. Er ist das südliche Ende der ECML. Die GEML endet im Bahnhof Liverpool Street, dieser Bahnhof gehörte ebenfalls zur LNER. Der Bahnhof Marylebone war der Endpunkt der GCML, welche aber heute nicht mehr existiert. Dementsprechend verkehren heutzutage nur noch die Züge der Chiltern Main Line und der ehemaligen Metropolitan-Railway-Strecke an diesem Bahnhof.

Die LNER wurde 1948 dreigeteilt: Der schottische Teil kam zur Scottish Region von British Railways (BR), der Rest zur Eastern Region und zur North Eastern Region. Letztere wurde 1967 wieder mit der Eastern Region vereint.

SR

Die Southern Railway war die kleinste der vier großen Gesellschaften. Sie wird im Gegensatz zu den anderen Bahnen meist als exotisch wahrgenommen, was zu gleichen Teilen an den außergewöhnlichen Lokomotivkonstruktionen wie z.B. den stomlinienförmig verkleideten Merchant Navys oder der rechteckigen Dampflokbaureihe SR Bulleid Q1 Class wie auch der bereits zur Verstaatlichung der SR weit fortgeschrittenen Elektrifizierung großer Teile des Netzes mit Gleichstrom und seitlicher Stromschiene liegen mag.

Die SR entstand aus dem Zusammenschluss der London & South Western Railway (LSWR), der London, Brighton and South Coast Railway (LBSCR) und der South Eastern & Chatham Railway (SECR), welche eigentlich ein Kooperationsgeschäft der beiden Bahngesellschaften London, Chatham & Dover Railway (LCDR) und South Eastern Railway (SER) war. Da auch die SR nicht die zahlungskräftigste Gesellschaft war, überlebte relativ viel der Vorgängergesellschaften bis zur Verstaatlichung 1948, wodurch die einzelnen Regionen der SR ihren ganz eigenen Charakter bewahrten, ähnlich wie bei der LNER.

Die SR war für den meisten internationalen Verkehr zuständig, da der Hafen von Dover in ihrem Einzugsbereich lag. Der berühmteste Zug war der Venice-Simplon Orient Express, aber auch andere Pullman-Züge fuhren auf dem Netz der SR (wie auch auf dem Netz der anderen Gesellschaften).

Jede der Vorgängergesellschaften hatte eine eigene Hauptstrecke: Die LSWR die South Western Main Line (SWML), die LBSCR die Brighton Main Line (BML) die LCDR die Chatham Main Line und die SER die South Eastern Main Line (SEML). Heutzutage liegt auch die Hochgeschwindigkeitsstrecke High Speed One Richtung Eurotunnel und Frankreich im Gebiet der ehemaligen SR, allerdings nicht ausschließlich.

Innerhalb Londons liegen die Endbahnhöfe Cannon Street und Charing Cross (SEML), Waterloo (SWML) und Victoria und London Bridge (BML), letzterer ist aber auch Durchgangsbahnhof für die SEML. Der Bahnhof Clapham Junction, an der SWML und am Zweig der BML nach Victoria gelegen, ist der größte in UK und der zweitgrößte in Europa nach Stuttgart.

Obwohl die SR gemessen an der Streckenlänge die kleinste Gesellschaft war, beförderte sie mehr Fahrgäste als die GWR und fast so viele wie die LNER oder die LMS. Dies lag unter anderem an dem extrem dichten Vorortnetz im südlichen und südöstlichen Großraum von London, bis nach Brighton, Ashford und Ramsgate. Dieses wurde in dichter Folge von Vorortzügen, meist gezogen von kleinen Tenderlokomotiven, bedient. Die SR war auch die erste Gesellschaft die regelmäßige Abfahrtszeiten einführte, was den Besitz eines Fahrplanheftes überflüssig machte.

Die SR ging 1948 nahtlos in der Southern Region von British Railways auf.

Durch den Zusammenschluss mit der LSWR kam mit der Lynton and Barnstaple Railway beim Grouping auch eine Schmalspurbahn zur SR.

Kleinere Gesellschaften

Es wurden 1923 nicht alle Gesellschaften in den Big Four zusammengefasst.

London Transport

Die Underground Electric Railways Company und die Metropolitan Railway, ab 1933 vereint als London Passenger Transport Board, wurden keiner Gesellschaft zugeschlagen, da sie hauptsächlich dem städtischen Verkehr von London dienten.

Joint Railways

siehe auch Hauptartikel: Joint Railway

Cheshire Lines Committee

Diese Strecken im Raum Liverpool waren als Joint Railway zwischen der Great Central Railway, der Great Northern Railway und der Midland Railway 1862 angelegt worden. Somit konnten die Strecken 1923 nicht eindeutig der LMS oder LNER zugeordnet werden. Die meisten Strecken kamen bei der Verstaatlichung 1948 zur London Midland Region von British Railways.

Hauptartikel: Cheshire Lines Committee

Midland and Great Northern Joint Railway

Die größte Joint Railway in Großbritannien war diese in East und West Anglia befindliche Joint Railway zwischen der Great Northern Railway und der Midland Railway. Sie wurde 1893 gegründet. Ab 1936 übernahm die LNER ihren Betrieb komplett, ohne dass sich an den Besitzverhältnissen etwas änderte. Der Betrieb wurde schon 1959 eingestellt und die Strecke abgebaut. Die North Norfolk Railway befährt einen Teil der ursprünglichen Route.

Hauptartikel: Midland and Great Northern Railway

Somerset and Dorset Joint Railway

Die Somerset and Dorset Railway (S&DR) wurde 1862 durch Zusammenschluss der Somerset Central Railway und der Dorset Central Railway, als Konkurrenz zur Great Western Railway geschaffen. Nach der Insolvenz der Gesellschaft übernahmen 1875 die Midland Railway und die London and South Western Railway gemeinsam die Bahn, die darauf hin in Somerset and Dorset Joint Railway (S&DJR) umbenannt wurde. Im GWR-Territorium gelegen, konnte sie bei der Verstaatlichung 1948 weder der LMS noch der SR zugeordnet werden und blieb somit eine Weile eigenständig, bis durch die Änderung der Regionsgrenzen Ende der 50er Jahre die S&DJR zur Western Region von British Railways kam. Die Strecke wurde 1966 stillgelegt.

Hauptartikel: Somerset and Dorset Joint Railway

Andere Bahnen

Daneben blieben auch eine Reihe kleinerer Gesellschaften, deren Netz hauptsächlich dem Verkehr innerhalb einer Stadt diente, so wie beispielsweise die Glasgow Subway, die Liverpool Overhead Railway oder die Mersey Railway, selbstständig. Auch Industriebahnen blieben selbstständig, obwohl das bekannteste Beispiel, die Manchester Ship Canal Company, ein Gleisnetz von gleichartiger Dimension anderer Bahngesellschaften besaß, wenn auch sie nur Gütertransporte durchführte. Ebenso blieben fast alle nach dem Light Railways Act von 1896 gebauten Light Railways (Kleinbahnen) eigenständig. Zwei der größten waren die in der Southern Region gelegenen East Kent Light Railway und Kent and East Sussex Light Railway.

Schmalspurbahnen

Schmalspurbahnen waren bis auf wenige Ausnahmen nicht vom Grouping betroffen und blieben eigenständig.

Die Big Four im Modell

Den Big Four kommt eine große Bedeutung im Modell zu, da nach der Verstaatlichung und Gründung von British Railways 1948 die regionalen Charakter weitgehend bestehen blieben. So sah man am Fahrzeugpark und an der Infrastruktur einer Strecke die Herkunft noch lange an, und es gibt Orte, da sieht man dies noch heute. Beispielsweise liefen die Expressloks der LNER A3 und A4 Class auch nach der Verstaatlichung fast ausschließlich auf der East Coast Main Line, welche durch die Eastern, North Eastern und Scottish Region führt. Auch mit dem Beschaffen der ersten Dieselloks in den 50er Jahren blieben derartige regionale Besonderheiten bestehen.

Die Great Western Railway steht für Tradition im Lokomotivbau. Die LMS ist geprägt von ihrer Größe und Stärke. Die Southern Railway hatte in den 30er Jahren das Image von Modernität aufgrund ihrer Elektrifizierung mit seitlicher Stromschiene. Die LNER war zwar die finanziell ärmste der vier Gesellschaften, stand aber für Rekorde und Glamour aufgrund ihrer namhaften Züge.

Unter Modellbahnern ist es Tradition, sich einer dieser vier Bahnen zu widmen. Beliebt sind Anlagenmotive, bei denen zwei dieser Gesellschaften zusammenkommen, dabei treten die Kombinationen Great Western/Southern und LNER/LMS am häufigsten auf. Mit einem Anlagenthema bei Oxford ist es möglich, Lokomotiven und Züge aller vier Gesellschaften zusammenzubringen.

Die in den 70er Jahren beschafften Class 56 waren die ersten außerhalb der Regions-Strukturen beschafften Lokomotiven. Sie läuteten den Niedergang der regionalen Identitäten im Lokomotivpark ein. Heutzutage gibt es außer den technischen Randbedingungen (Stromsysteme, Achsgewicht) keinerlei regionale Unterschiede im Fahrzeugeinsatz mehr. Die Infrastruktur allerdings zeugt noch allzu häufig von ihrer Herkunft.

Quellen und Weblinks

https://de.wikipedia.org/wiki/Railways_Act_1921
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_railway_companies_involved_in_the_1923_grouping
https://web.archive.org/web/20061016093909/http://www.virgintrainsmediaroom.com/media/adobepdf/10%20LMS%204F.pdf — LMS Era - Die Geschichte der LMS (englisch)

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